Unterwegs-Protokoll über die letzten Tage. Reise- aber rastlos.
Nähkurs
Die Tatsache, seit Jahren eine Nähmaschine zu besitzen, aber nur rudimentär benutzen zu können mangels anständiger Praxis, Erfahrung und Einweisung (ohne Nähprojekt auch schwierig), vermischt mit dem mir angeflogenen Bastel-Hype konkretisierte sich zur Anmeldung bei einem Nähkurs bei Ingrid. Ingrid wohnt in Tonndorf, ruft eine Woche vor Kursbeginn an, fragt Lernwünsche ab und nimmt gern einen Tag vor Kursbeginn die eigene Nähmaschine in Empfang, damit man dann eineinhalb Tage unter ihrer Aufsicht am eigenen Nähgerät produktiv Stoff zu Sachen verarbeiten kann.
Die weihnachtliche Witterung führte zu Absagen der anderen Kursteilnehmer, weswegen ich großartigerweise einen Einzelkurs ohne Aufpreis belegte – und Samstag Nachmittag mit fast fertiger Tasche und neuem Kissenbezug nach Hause fahre, Erkenntis gewinnend, dass "ich nähe mir mal schnell..." eine utopische Einstellung ist.
Stuttgart
Der Montag bringt mich per Flieger ins Schwaben-New-York Schtuttgart.
Schtuttgart isch nie ein Feschtle, aber immerhin kann ich hippe Agenturen von innen beglotzen, die sich in Altbauwohnen von astronomischen Ausmaßen niedergelassen haben, was ich persönlich immer eine recht langweilige Angelegenheit finde, aber unter "muss sein" verbuche. Es folgt ein Gesprächstermin in mittelgroßer Runde, ein fußläufiger Ortswechsel zu einem Gesprächstermin in recht großer Runde, dazwischen ein Mittagessen im Stehen, zwischendurch meine perfekte Imitation diverser teilnehmender Gesprächskollegen zur allgemeinen Auflockerung und um 16.45 Uhr dann die Ansage: "Wir gehen jetzt, sonst bekommen wir den Flieger nicht mehr."
Diese Businesskaschperei alleweil isch sägensreich, wenn man it über nach bleiba muss. I sags euch, Kinder!
Zahnarzt
Seitdem mir vor etwas über einem Jahr ein Zahn gezogen wurde, ich mich im Zuge dessen unfassbar sterblich gefühlt habe und mir neulich gesagt wurde, wenn ich meine Zahnzwischenräume nicht besser pflege, würden mir über "kurz oder lang" die Zähne ausfallen, habe ich die totale Zahn-Paranoia und renne bei jedem kleinen Zwicker zu meinem mondgesichtigen rothaarigen und extrem sarkastischen Zahnarzt, der im Grindelviertel praktiziert, immer die GALA im Wartezimmer liegen und eine extrem schlechtgelaunte Ehefrau hat. Woher ich das weiß? Ich begegnete ihr und ihren Giftpfeilen einmal bei einem recht späten Termin und lege seitdem keinen Wert auf ein Wiedersehen. Was kann ich dafür, dass ich Zähne habe und ihr Mann sich um sie kümmert!
Lynns
Und wann geht man besonders gern in solche Läden? Richtig, wenn man eigentlich viel anderes Zeug zu tun, erst recht keine Zeit, aber immer noch nicht die gewünschten Teile für Schuh- und Kleiderschrank gefunden hat.
Ich verlasse also meinen durchtrukturierten Plan für den Abend und betrete mit meiner Mission, jetzt endlich ein anständiges Cape (wie würde Superman ohne aussehen!?), braune und graue Pumps zu finden diesen Laden, um ihn 29 Minuten später mit Heels in Rotbraun/Hellblautürkis wieder zu verlassen. Mission not accomplished. Weil ich's kann.
Alstereisvergnügen
Das läuft in Hamburg ungefähr so: Sobald es länger als drei Tage Minusgrade hat, die Außenalster Eis ansetzt und sogar der Schnee oben im Himmel festfriert, wartet der gemeine Hamburger auf die behördliche Freigabe, eben jenes Eis ohne Lebensgefahr betreten zu dürfen.
Sobald diese Freigabe erfolgt ist, wachsen Buden an und um die Alster aus dem Boden, bieten Glühwein, Futter und andere überteuerte Sachen an, und 2 Millionen Menschen machen sich auf den Weg aufs Eis. Das bedeutet: Gruppenkuscheln in der U-Bahn, Massenwanderungen, Ausnahmezustand. Ich wundere mich, dass niemand darüber mal einen Katastrophenfilm gedreht hat. Es ist unfassbar voll. Überall.
Obwohl ich dieses ganze Spektatkel schon kenne (Anfang 2010 Alster zum ersten Mal betreten), kann ich nicht vom Eis lassen und betrete es 2012 erneut mit fast gleichem Outfit und Begleitung. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Und mit Mensch meine ich mich. Und weil das so toll ist, mache ich das nachher gleich nochmal! (Fotos: 2010 - Sarah, 2012 - Julia)

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