20.2.09

Nettikette

Neulich, beim Arzt... Obwohl noch nicht in dem derart fortgeschrittenen Alter, bin ich dankbar für gute Ärzte und die Tatsache, dass ich im 21. Jahrhundert lebe. Bedeutung: Chemie bekämpft Biologie. Und für die Nebenwirkungen packen wir einen anderen Chemiebaukasten drauf. Das macht nochmal 15 Euro extra, aber hey, die Schmerzen sind – weg! Ernstgemeinte Nettigkeiten über meine beiden Lieblingsärzte hier.

Der eine sitzt am Stadtpark in einer sicher von einem diplomierten Innenausstatter gestalteten Praxis mit (Kunst-)Gras auf den Schränken und Glastrennern. Die Sprechstundenhilfen sind vorwiegend nett. Es gibt auch eine, die hat ab 16 Uhr keinen Bock mehr, und wenn ich wegen eines dringenden Verdachts vorbeikommen will, seufzt sie ins Telefon, sie hätte das ganze Wartezimmer voller Patienten. Eine halbe Stunde später sitze ich auch im Wartezimmer. Allein.
Mein Hausarzt ist ein extrem gutaussehender Mittvierziger unter 1,80m mit braunen Augen und angenehmer Säuselstimme. Ich habe regelmäßig Schwierigkeiten seinen Erläuterungen zu folgen, weil ich mich darauf konzentrieren muss, Hechelgeräusche zu vermeiden.
Meinen Internisten besuche ich nicht mehr, ich gehe immer zum Hausarzt wegen der Schilddrüse. Der weiß mehr und kümmert sich besser. Dummerweise muss man sich dafür nie großartig freimachen. Und dummerweise muss man wegen der Schilddrüse nicht wöchtentlich zum Check, sondern nur alle drei Monate.
Syl war auch bei dem. Auf meine Empfehlung hin. Es ging ihr immer ähnlich wie mir. Mit der Konzentration und so.

Der andere ist bei der Lorenzkirche, ein gemütlicher älterer Herr mit kreisrundem Mondgesicht und vollem grauen Haar. Seine Generation ist die, die mit völlig bescheuerten altmodischen Vornamen gesegnet ist. Er heißt Folkward. Mit F.
Folkward hat eine schnarrende Stimme und man wird immer "an diesem wunderschönen Tag!" in seiner Praxis begrüßt. Auch wenn es regnet. Oder zum Ende der Saison, wenn der Club Mist baut. Oder sonstwie anders.
Folkward ist auch der einzige Arzt den ich kenne, der seine Patienten wieder mit vor zur Anmeldung begleitet und den Sprechstundenhilfen direkt sagt, was verschrieben wird. "20 Tablettskis" sagt er dann. Oder: "Einen Badezu s atz." Genau so. Mit Pausen im Wort.
Manchmal muss ich auch Blutdruck messen lassen. Dann beugt er sich verschwörerisch vor und sagt: "Kommen Sie mal mit!" Dann gehen wir vor und er grinst mehr als breit sehr freundlich: "Lassen Sie mal noch Blutdruck messen!" Ich: "Brauchen wir nicht. Meiner ist immer zu niedrig." Dann beugt er sich noch verschwörerischer grinsend vor und meint mit seiner schnarrenden Stimme: "Das ist super! Da werden Sie hundert Jahre alt!" Nach dem Blutdruck gibts dann Tablettskis oder ein Sälbchen. Oder nichts.
Er sagt Sätze wie: "Also, eklig ist anders!" und verbindet Dinge, die mit Blut zu tun haben auch schon mal mit dem Wert "explosionsartig".
Ich könnt mich totlachen wenn ich nur dran denke.

Wenn ich meinen Film mache, muss ich die beiden irgendwie mit einbauen...


Warum ich das geschrieben habe? Weil ich gestern mit Syl telefoniert habe und wir beide mit unseren Schilddrüsen und dem restlichen Zeugs in einem Alter sind, in dem man seufzt: "Hach, gute Ärzte sind so schwer zu finden." – und weil ich mich totgelacht habe über Syls Geschichte, die ihre Schilddrüsentabletten über ihren hamburgischen Hausarzt verschreiben lassen wollte weil sie noch keinen anständigen Internisten gefunden hat und der Hausarzt strahlend meinte: "Prima! Schilddrüse ist ja mein Hobby!"...

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