(Ich weiß, dass mindestens ein Leser hier den Film noch nicht gesehen hat und ich versuche mal, meinen Senf so abzugeben, dass die Spoilerei nicht weiter ins Gewicht fällt)
Der Film vereint verschiedene Geschichten in sich und um das mal ein bisschen zu sortieren, splitte ich das auf.
Eine Geschwistergeschichte:
Tod der Mutter, wilde Odysee durchs Land, Rückkehr an den Ausgangsort, der kleine Bruder (Jamal) sucht noch immer die Liebe und der große Bruder macht "Karriere" beim Slum-Paten.
Es verändert sich übrigens keiner der beiden im Lauf des Films – schon von Anfang ist klar, wer der Böse ist und wer der gutgläubig Liebende. Dass sich einer der beiden zum Schluss für den Anderen opfert ist ziemlich vorhersehbar.
Eine Liebesgeschichte:
Kleiner Bruder liebt Latika, das kleine Mädchen, das heroisch im strömenden Regen vor dem Unterstand wartet, bis Jamal sich erbarmt und damit den Zorn des großen Bruders auf sich zieht. Jamal liebt während des ganzen Films nur diese eine und sein einziges Leitmotiv ist die Suche nach Latika, die sie bei der Flucht aus einem ominösen Waisenhaus aus den Augen verlieren.
Jahre später ist die mittlerweile natürlich wunderschöne Latika mit dem natürlich arschigen Slum-Paten zusammen und natürlich kreuzunglücklich. Jamal will sie retten, aber dazu braucht er Geld. Denn ohne Geld kommt man auch in Indien nicht weit, wenn man dem Paten die Frau ausspannen will. Jamal bewirbt sich bei der indischen Ausgabe von "Wer wird Millionär", weiß alle Antworten und wird deshalb für einen Betrüger gehalten. Der Zuschauer wird am Anfang des Films gefragt, wie er das geschafft hat. A) Er hat betrogen B) Er hat einen Komplizen C) Er ist ein Genie D) Es ist Schicksal.
Als brutal realistisch orientierter Mensch, der nicht viel im Vorfeld über den Film gelesen hat (nicht mal die Spiegel-online-Kritik), favorisierte ich Antwort A und B, vermutete aber Antwort C als kommende Story im Film. Dass die Antwort tatsächlich am Schluss des Films D lautet – nun, das ist Geschmackssache.
Eine "Dishwasher-To-Millionaire"-Geschichte:
Jamal, der ewige Loser, weil er nie aufhört, an das Gute im Menschen zu glauben, steigt vom Slumdog zum Millionär auf und ganz Indien hängt vor der Glotze, als ihm die 20-Mio-Rupien-Frage gestellt wird. Das erinnerte ein bisschen an den WM-Sommer 06, aber das war in der echten Welt und im Film gibt es keinen zweiten oder dritten Platz sondern nur die "Alles oder Nichts"-Frage und die wird meist mit "Alles" aufgelöst.
Fazit: Es gibt in meiner Welt kein Schicksal, keine ewige Liebe und auch keine Millionäre. Das sind alles Minuspunkte des Films, über die ich auch nicht weiter diskutieren werde. Warum der Film ein Oscar-Feuerwerk verursacht hat, weiß ich nicht. Sterotype Protagonisten heizen durch eine unrealistische Geschichte und alle westlichen erwachsenen Zuschauer beginnen, nach Harry Potter wieder an Märchen zu glauben. Das obligatorische Happy End macht mich kotzen, kann aber auch als Bollywood-Hommage gedacht sein. Mir egal, das ist mir zu viel Zucker und macht durstig nach intelligentem Realismus. Der Realismus-Faktor in diesem Film ist übrigens das Leben im Slum und der große Bruder, der für den Gangster arbeitet... Dass das aber irgendwie an jeden beliebigen Ort übertragbar ist, scheint außer mir niemanden zu interessieren.
Der Film punktet bei mir mit Schnitt und Bildkompositionen. Viele schräge Linien, viel Fotografie-Charakter, viel in bunt. Ich weiß nicht, warum Boyle die Intension hatte, diesen Film zu drehen. Wahrscheinlich wollte er City of God – The Optimistic Version drehen. Er sollte sich in nächster Zeit auf Musikvideos konzentrieren und dann wieder zum Handwerk zurückkehren, wenn er gute Stories parat hat. Und ich halte mich derweil mit "Kleine Morde unter Freunden" über Wasser.
- Artikel "Oscars vs. Realität" auf tagesschau.de
- Film mit Hintergrundinfos auf imdb.com
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